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Perspektiven für Erlebnis- und Bewegungsräume

 

Moderne Trends und Entwicklungen- Interview mit Stefan Henn, Leiter von ISE

Ist es sinnvoll einen Naturrasensportplatz in einen Kunstrasenplatz umzuwandeln? Wie gehen wir zukünftig mit der Unterhaltung und dem Bau von normierten Sportstätten, rein für den Wettkampfsportbetrieb, um? Was wünschen  sich die Menschen an Möglichkeiten, um alleine oder gemeinsam Sport zu treiben? Welche Rolle spielen die DJK-Sportvereine bei dieser Diskussion? Und wo steht der Schulsport? Welches sind die Bewegungs- und Erlebnisräume der Zukunft? Und wie sehen sie aus? Fragen über Fragen, die nach Antworten suchen. Dabei müssen Bedarfe, Nutzen und Auslastung von Bewegungsinfrastruktur zeitgemäß für die Zukunft geplant werden. Seit 2015 gibt es in Trier das Institut für Sportstättenentwicklung (ISE) in Rheinland Pfalz. Im Gespräch mit dem Leiter von ISE, Stefan Henn, begeben wir uns auf die Suche nach zeitgemäßen Antworten und Perspektiven.

 

Welche Rolle spielt ISE im Kontext von Sportvereinen, Kommunen und kommerziellen Sportanbietern und welche Leistungen bietet ISE dem Sport?

Das ISE ist nun seit knapp 5 Jahren zentraler Ansprechpartner in Fragen der Sportstättenentwicklung für Sportvereine, Sportverbände und Kommunen in Rheinland-Pfalz. Unser Ziel ist es, durch systematische Analysen zu einer bedarfsorientierten und nachhaltigen Sportstättenentwicklung vor Ort beizutragen. Konkret bieten wir den Sportvereinen dazu eine Erstberatung an, bei der wir die Vorhaben der Sportvereine (z.B. Modernisierung eines Sportplatzes) in einem ersten Schritt hinsichtlich der grundlegenden Fragen nach Zielgruppen, Nutzung und Auslastung sowie den konkreten Bedarfen und Anforderungen beleuchten. Selbstverständlich bieten wir dann den Sportvereinen auch weiterführende Analysen (z.B. Befragungen) an. Nicht vergessen werden sollte, dass wir dem Sport, sprich den ortsansässigen Sportvereinen, bei jeder kommunalen Sportstättenentwicklungsplanung eine Stimme geben. Jede größere Studie umfasst eine Vereinsbefragung, Experteninterviews sowie öffentliche Veranstaltungen, über die die Sportvereine verschiedene Möglichkeiten erhalten, sich in die künftige Planung von Sport- und Bewegungsräumen vor Ort einzubringen.

 

Bei der DJK steht der Mensch im Mittelpunkt, d.h. von ihm ausgehend werden anstehende Themen gedacht und geplant. Funktioniert das in der Betrachtung von Sport-, Bewegungs- und Erlebnisräumen in gleicher Weise?

Damit triffst du genau den Kern einer bedarfsorientierten, kooperativen Sportstättenentwicklungsplanung, denn letztendlich sind es immer die Menschen, die sich sportlich betätigen bzw. bewegen. Ob sie das im Sportverein, bei einem kommerziellen Sportanbieter oder als Individualsportler im öffentlichen Raum tun, ist dabei zunächst nicht der zentrale Punkt. Entscheidend ist, dass jeder Mensch ein individuelles Sport- und Bewegungsverhalten mitbringt, welches sich schlussendlich auf die Planung und Gestaltung von Sport- bzw. Bewegungsräumen auswirkt.

In unserer täglichen Arbeit setzen wir daher auf einen verhaltensorientierten Ansatz. Konkret umgesetzt wird dies z.B. in den Bevölkerungsbefragungen zu unseren Studien. Wir legen den Entscheidern in Sport und Politik eine objektive Übersicht zum Sport- und Bewegungsverhalten der Menschen in der jeweiligen Gemeinde vor. Daraus lassen sich u.a. Rückschlüsse auf die ausgeübten Sportarten, die Motive zu Sport und Bewegung sowie auf die genutzten Räume und Anlagen ziehen. Darüber hinaus beteiligen wir die Menschen vor Ort zusätzlich in öffentlichen Veranstaltungen zu unseren Studien, die sog. „Sportgespräche“ und beziehen einzelne als Experten in Form von Interviews mit ihrem Wissen in die Studie ein (z.B. Platzwarte, Senioren-/Jugendbeauftragte).

 

Welche Kriterien werden heute von ISE zu Grunde gelegt, um Trends und modernen Entwicklungen gerecht zu werden?

Starre Kriterien sind für unsere Arbeit wenig zweckmäßig. Sicherlich gibt es Rahmenvorgaben, die z.B. Fördermittelgeber ansetzen, an denen wir uns orientieren. Dennoch gilt für uns der Grundsatz „was rauskommt, kommt raus.“ Wir möchten ein möglichst genaues und vor allem objektives Bild der Bedarfe unterschiedlicher Nutzergruppen (z.B. Schul-, Vereins- und Individualsport) erarbeiten. Dennoch ist uns eine gewisse Systematik in unserer Arbeit wichtig. Daher sollte man folgende Eckpunkte beachten, wenn man möglichst viele Entwicklungen und Trends nachhaltig bearbeiten möchte: Du musst zunächst wissen, welche Sport- und Bewegungsräume es vor Ort gibt und welche Nutzungsmöglichkeiten diese bieten (z.B. sind Sportplätze ganzjährig bespielbar, welche Linien finden sich in meiner Sporthalle). Dann musst du wissen, wie die Anlagen genutzt werden. Gibt es Engpässe oder gibt es auch freie Kapazitäten? Wie sieht die Auslastung der weiteren Sporträume z.B. in der Nachbargemeinde aus? Danach folgt dann das Herzstück jeder Analyse: die Nutzeranalyse, sprich die Befragungen von Vereinen, Schulen, Bürgerinnen und Bürger, Experten. Fügt man diese Puzzleteile zusammen, erhält man einen guten Überblick zu Sport und Bewegung vor Ort.

 

Kirchliche Immobilien werden zukünftig verstärkt auf dem Markt sein und brauchen eine neue Perspektive. Seit Jahrzehnten wird die ehemalige Kirche St. Maximin in Trier auch zum Sporttreiben genutzt. Sind kirchliche Räume eine Chance für den Indoor-Sport und damit auch für die DJK?

Ja, das sind sie. Wir erleben, besonders im ländlichen Raum, häufig, dass der Neubau von Sportanlagen für viele Kommunen kaum noch möglich ist. Daher sind Alternativen gefragt. Das Stichwort ist hier: Multifunktionalität. Weg von Normsportanlagen, hin zu möglichst vielfältig nutzbaren Sport- und Bewegungsräumen. Hier können grundsätzlich alle leerstehenden Immobilien eine Chance sein. Eine ähnliche Entwicklung deutet sich bei den Dorfgemeinschaftshäusern an. Der Umbau dieser zu sportlichen Zwecken ist auch durch das Land Rheinland-Pfalz förderfähig. Hier haben einige Gemeinden aus der Not eine Tugend gemacht: Sie konnten sich kein Dorfgemeinschaftshaus und eine Sporthalle leisten. Somit haben sie die Funktionen in ein Gebäude intergeriert. Ähnliche Chancen könnten daher kirchliche Immobilien für den Sport bieten.

Bewegung an der frischen Luft, in der Natur. Wir wollen Lust darauf machen! Doch was erwarten die Menschen von Outdoor-Erlebnissen? Wie sehen die Anforderungen und Wünsche aus und welche Antworten geben wir darauf?

Auch unsere Untersuchungen bestätigen diese Einschätzung. Wir stellen eine grundsätzliche Individualisierung und Flexibilisierung des Sporttreibens fest. Das heißt nicht, dass Sportvereine für die Menschen nicht mehr wichtig sind. Vielmehr nutzen Menschen sowohl Angebote in Sportvereinen, als auch die Möglichkeiten sich individuell an der freien Natur zu bewegen. Vorsichtig wäre ich jedoch bei den Anforderungen an solche Outdoor-Sporträume zu pauschalisieren. Wir fragen in jeder Studie konkrete Ausstattungsmerkmale ab (z.B. Geräte für Koordination, Ausdauer, Kraft, Sturzprävention) und dabei unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Gemeinde teilweise deutlich. Festhalten kann man aber, dass die Menschen sich vor allem eine Gesundheits-/Fitnessorientierung bei der Gestaltung von freien Sporträumen wünschen und das man auch den sozialen Aspekt solcher Anlagen nicht vernachlässigen sollte. Es zeigte sich in vielen Befragungen, dass die Menschen sich neben der sportlichen Ausstattung auch Dinge wie Sitz- und Ruhemöglichkeiten, Schattenplätze und Beleuchtung der Anlage wünschten.

 

Worin liegen die größten Herausforderungen im Bereich Natur und Umwelt, wenn Menschen sich bewegen wollen?

Ich denke, dass hier vor allem Attraktivität und Aufforderungscharakter entscheidend sind. Nichts ist schlimmer, wenn aufwendig hergestellte Sport- und Bewegungsräume ungenutzt bleiben. Daher appelliere ich auch bei all unseren Studien an die Entscheidungsträger: Nehmen Sie die Hinweise aus Sportvereinen und Bevölkerung ernst und lassen Sie diese in die konkrete Planung von Sport- und Bewegungsräumen mit einfließen.

Mit Stefan Henn sprach Rainald Kauer.